Darf Lärm stören?

Einer der Anlässe, warum ich diese Site ins Internet stelle, ist der Bau der zweiten Gotthard-Strassenröhre. In zwei Volksabstimmungen wurde diese abgelehnt. Beim dritten Versuch waren die BefürworterInnen von grenzenlosem Wachstum erfolgreich. Die Abneigung gegen Staus und die Angst vieler BenützerInnen des Gotthard Strassentunnels vor Unfällen, gab wohl den Ausschlag. Dass Staus vom eigenen Autofahren kommen und die Unfallwahrscheinlichkeit im Gotthardstrassentunnel schon jetzt kleiner ist als auf Kantonsstrassen, wurde zwar erläutert aber ebenso geflissentlich überhört. Heute in Zeiten von Klimademonstrationen bin ich mehr denn je der Meinung, dass der Bau der zweiten Tunnelröhre am Gotthard die Bedürfnisse der Mehrheit der (jungen) SchweizerInnen ausser Acht lässt und vor allem ökologisch gesehen unangebracht ist.

2008 entschied ich mich nach 18 ruhigen Jahren in Göschenen, meinen Lebensabend in Göschenen zu verbringen. Wenige verstanden meinen Entschluss, weil Göschenen ja so ruhig, ja eher totenstill sei. Ich hatte mein Paradies gefunden und mich in den „ruhigen Ausgangspunkt ins Wanderparadies Göscheneralp“ verliebt.

Dann kam der 28. Februar 2016. Zuerst war ich einfach masslos enttäuscht, aber schnell war dieser Tag vergessen, bis im Sommer 2020. Da begannen die ersten sehr lauten Vorarbeiten für die 2. Röhre. Am Bahnhof wurde bis spät in die Sommerabende hinein Beton abgespitzt. Viele haben die Faust im Sack gemacht, einige sich beschwert. Ich war wie gelähmt und verkroch mich jeweils in das Göscheneralptal, wo Ruhe herrschte bis – ja bis die koronagbeutelte Schweiz mit ihren Wohnmobilen einfiel. Diesen Frühling ging es schon bald wieder los. Auch an schönen Samstagen im März wurde bereits morgens Beton geflogen. Schon zu Beginn des Jahres hatte ich mit der Bauleitung der 2. Röhre Kontakt aufgenommen, weil uns Sprengarbeiten von 5 Uhr morgens bis 22 Uhr nachts angekündigt worden waren.

Meine nachfolgenden Erfahrungen mit Vertretern des Bundesamts für Strassen (Astra) in Göschenen, sehen folgendermassen aus: An öffentlichen Informationen wird der Bevölkerung zur Beruhigung vieles versprochen, was anschliessend nicht oder nur teilweise eingehalten wird. So beteuerten die Vertreter des Astra beispielsweise an einer Orientierung vor der Gemeindeversammlung am 30. April 2021, dass lärmintensive Arbeiten streng nach den Vorgaben des Uweltverträglichkeitsberichtes (UVB) ausgeführt würden: Morgens von 07.00 bis 12.00 und nachmittags von 14.00 bis 17.00. Dazu werde ein Sorgentelefon (Helpline 076 470 69 76) eingerichtet, damit die berechtigten Anliegen aus der Bevölkerung auch berücksichtigt werden könnten.

Als ich am 19. Mai 2021 morgens um halb sechs vor der Arbeit im Garten das Wetter begutachtete, stellte ich fest, dass bereits lautstark auf der Baustelle der Zweiten Röhre Sprenglöcher gebohrt wurden. Meine Kritik beim Anruf an besagtes „Sorgentelefon“ wurde umgesetzt, die Arbeiten auf später am Tag verschoben und ich erhielt eine Bestätigung meines Anliegens und eine Erklärung.

So weit, so gut. Als ich zwei Tage danach um 18 Uhr 30 nach Hause kam. Waren an derselben Stelle im Portalbereich des Tunnels wiederum deutlich hörbar und überlaut Felsabbrucharbeiten im Gange. Erneut rief ich die Helpline an. Herr Woodtli am andern Ende, erkannte mich und war zwar wie gehabt freundlich aber ein wenig genervt. Ich nicht weniger genervt verwies auf meinen Anruf vor zwei Tagen und auf die Zeiten für überlaute Arbeiten. Er verstehe meine Vorwürfe und schaue, was er machen könne.

Nach einiger Zeit rief mich Herr Woodtli zurück und versuchte sein Glück: Es dauere nur noch 30 Minuten. Die Vortriebsarbeiten seien in Verzug, ich solle doch Verständnis haben. Ich hatte keines. Es sei inzwischen ein Vorhang aus Fliessstoff vor die Arbeiten gezogen worden, damit solle ich doch jetzt zufrieden sein (es war unvermindert laut). Ich war nicht zufrieden. Und dann der Kracher: Ich sei der einzige Göschener, der sich beklage. Dann wurde ich ungehalten. An der Infoveranstaltung sei die Einhaltung der Vorgaben des UVB versprochen worden und darüber hinaus, dass Anliegen aus der Bevölkerung ernst genommen würden. Wenn ich auch als einziger darauf verweise, ändere das nichts an der Tatsache, dass gegen klare Regeln verstossen würde. Ob er denn verstehe, was bei weiteren Verstössen folgen könne? Herr Woodtli sprach das Unaussprechliche aus: Baustopp. Ich war dankbar, das Wort nicht in den Mund genommen zu haben. Mein Gegenüber war danach kurz angebunden und versprach baldige Ruhe. Es geschah aber nichts. Es wurde weiter gehämmert und gelärmt.

Dann ging ich selbst vor Ort um mir ein Bild zu machen. Und einen Höhreindruck bekam ich obendrein!

Ich denke, solcher Lärm darf morgens um halb sechs und abends um halb acht stören. Und er würde wohl auch die Familien der Vertreter des Astra in Göschenen stören, doch diese Familien wohnen ja vielleicht an ruhigeren Orten, als es Göschenen während der nächsten 10 Jahre sein wird…