Neulich las ich in der Solothurner Zeitung (SZ) einen etwas befremdlichen Beitrag. Ich meine, das geht doch gar nicht, dass man(n) wegen einer politischen Differenz im Jahr 2021 einander nach dem Leben trachtet.
Doch da trage ich Wasser in die Reuss. Eigentlich will das niemand – zumindest wenn man(n) selbst bedroht wird. Selber drohen kann jede(r). Auch ich bin ein Polteri (Im Sinne der Temperamentlehre ein Sanguiniker mit Hang zum Choleriker). Deshalb gebe ich ja diese Site heraus, poltern statt drohen.
Immer dann, wenn ich mich in die Ecke gedrängt fühle, greife ich an. Schliesslich ist das die beste Verteidigung. Aber jetzt aus der warmen Stube heraus betrachtet, ist das jeweils eher eine Geste der Hilflosigkeit. Oft habe ich kein fundiertes Wissen, oder ich verhasple mich in der Hitze des Gefechts in meinen eigenen Erinnerungen und Ideen. Heraus kommt ein Schuss ins Blaue. Angriff ohne Ziel und Plan; aber munter drauf los!
Nun will ich mit dieser kriegerischen Sprache weder dramatisieren noch verharmlosen. Wie eingangs erwähnt, bin ich gegen Gewaltanwendung im Umgang mit anderen Menschen im Speziellen und anderen Lebewesen im Allgemeinen. Ausnahmen bilden vielleicht lebensbedrohliche Situationen; da kann niemand noch lange überlegen; da übernimmt der Überlebensinstinkt anstelle des Denkens. Das nennt man(n) dann zu Recht Notwehr (Art.15 STGB). Notwehr ist selten elegant, wird aber vor Gericht durchaus beachtet; und die, die sie redlich anwenden, werden deshalb auch nicht verurteilt.
Warum aber drohen nun hier die bisher Unbekannten einer Initiantin der Trinkwasserinitiative damit, ihre Familie auszulöschen? Wohl zuerst einmal aus dem Glauben heraus, anonym bleiben zu können. So aus dem Verborgenen pöbelt’s sich ja leicht. Etwas anderes wäre es, man(n) müsste das der Bedrohten vor vielen anderen Menschen öffentlich ins Gesicht sagen.
Zum anderen vielleicht auch, weil sie keine besseren Argumente zur Hand haben. Ich denke auch, dass die Forderungen der Initiative wohl gut gemeint sind, aber in einen grösseren Zusammenhang gestellt werden sollten: Die Landwirtschaft und mit ihr auch die BäuerInnen und deren Familien stehen unter enormem Druck. Das Kulturland wird von uns allen für Häuser, Strassen und was sonst auch immer beansprucht und damit zubetoniert. Bauernhöfe gibt es jedes Jahr weniger. Wenn dann ein Hof überlebt, kommen ihm Siedlungen immer näher und der Ruf nach geräuschlosem Bauernhandwerk (Kuhglocken, Heuen mit Maschinen an schönen Wochenenden) und geruchlosen Hofdüngern und Tieren (Gülle Ausbringen am Samstag) erschwert oder verunmöglicht landwirtschaftliches Arbeiten zunehmend.
LandwirtInnen werden oft als reine SubventionsempfängerInnen verunglimpft. Dabei ist es gewollte Agrarpolitik, dass über die Direktzahlungen die Landwirtschaft gesteuert werden kann. Bei den allermeisten Betrieben stammt mehr als die Hälfte des Einkommens aus Direktzahlungen.
Das Einkommen aus der Nahrungsmittelproduktion sinkt weiter. Als ich in den 1990-er Jahren die Landwirtschaftsausbildung machte, sagten uns die AusbildnerInnen, dass jeder Bauer Geld verliert, der für eine Liter Milch weniger als 1.- Franken erhält. Heute sind es 53 Rappen. Und wir alle finden Geiz geil und kaufen unser Essen so preiswert wie möglich ein. Vor 75 Jahren gab ein Haushalt in der Schweiz noch beinahe die Hälfte des Einkommens für Nahrungsmittel aus, heute sind es weniger als 10 Prozent. Uns sind Ferien, eine grosse Wohnung, Mobilität und ständige Erreichbarkeit viel Geld wert, und da müssen wir beim Essen sparen.
Und dann kommen noch diese Initiativen. Ich verstehe, dass sich viele BäuerInnen in die Enge getrieben fühlen. Ich bin selbst ausgebildeter Bauer und fühle mich auch hilflos. Aber jetzt so reagieren, wie oben beschrieben? Nein! Ich kann nur an uns alle appellieren, den Blick auf das Wesentliche nicht zu verlieren. Ein pfleglicher Umgang von uns allen miteinander kann nicht erst im Wahlkampf entstehen. Und wir sollten so langsam begreifen, dass man(n) Geld nicht essen kann.
Wir alle sind auf die Landwirtschaft angewiesen. Das funktioniert aber nicht so, dass wir das feststellen und gleichzeitig jedes Jahr seit 1942 3000 bis 4000 Hektaren Kulturland in der Schweiz bewusst zubauen (das entspricht bis heute fast drei Mal der gesamten Fläche des Kantons Uri!). Die Agrarinitiativen können so nicht funktionieren. Gute Absicht hin oder her. Zuerst müssen wir auf unsere Lebensbasis – auf das Kulturland, auf dem unserer Nahrungsmittel produziert werden – besser Acht geben. Dann brauchen wir einen Gesellschaftsvertrag, der die Existenz der Landwirtschaft und damit die Existenz der BäuerInnen sichert. Wir dürfen nicht einfach subventionieren, sondern müssen bereit sein, faire Preise für ehrliche Arbeit zu bezahlen. Lebensmittel und deren Herstellung müssen besser bezahlt werden.
Jetzt habe ich zwei Möglichkeiten: JA oder NEIN. Ich stimme JA: Für unsere Lebensbasis, die Natur.
