
Mein erstes politisches Erlebnis, an das ich mich erinnern kann, war zur Zeit unserer Sekundarschulprüfung 1979 die Kleinserie Holocaust im Schweizer Fernsehen. Nie werde ich meine Entsetzen darüber vergessen, was wir Menschen einander antun können. Dabei ging ich in meiner Welt bis dahin davon aus, dass ein Streit um ein Spielzeug, die höchste Stufe von Uneinigkeit darstellen kann.
Mit Dreizehn kam ich an die noch von Benediktinern geprägte Mittelschule in Altdorf und damit Schritt für Schritt mit mehr Wissen und Politik in Kontakt.
Nach der Mittelschule in Altdorf und Disentis ging ich nach Bern, wo ich in einem Zwischenjahr verschiedenen Temporärarbeiten nachging und viel Zeit in der Reithalle und mit Freunden aus der Jugendbewegung verbrachte. Ich konnte mich aber nie mit den gewaltbereiten Ideen der Bewegung einverstanden erklären. Meine Freunde waren friedliebende junge Leute, die mich zum Wellenbrettsurfen an die Aare mitnahmen.
Vor dem Hintergrund eines bürgerlichen Elternhauses, in dem einer sozialen Marktwirtschaft nachgelebt wurde, in einem katholischen Umfeld und mit dem Wissen aus dem Geschichtsunterricht im Kloster Disentis, las ich Bücher von Niklaus Meinberg, Markus Heiniger, Jürg Frischknecht, Rubén Gallucci oder Gurdjieff, deren Geschichten und Ideen mich bis heute begleiten. Zusammengefasst fand ich diese von Immanuel Kant in seinem Imperativ. Die Volksweisheit „Was Du nicht willst, dass man(n) Dir tu‘, das füge keinem(r) andern zu!“, drückt diese Idee ebenfalls aus.
1988 begann ich ein Jurastudium an der Uni Bern. Als 1990 meine Tochter zur Welt kam, brach ich mein Studium ab und begann in einem bio Lebensmittelverteiler zu arbeiten. Ich begriff, dass der Biolandbau (also Landwirtschaft, ähnlich der, wie sie zu Zeiten unserer Grosseltern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts betrieben wurde) sinnvoll ist.
Zurück aus Bern im Kanton Uri arbeitete ich in einem Altersheim und dann im ehemaligen Hotel meiner Eltern. Dort erlebte ich das Scheitern meiner Eltern an ihrer Alkoholabhängigkeit und das Scheitern meiner eigenen Beziehung und den Weggang meiner Tochter aus meinem Leben. In dieser Situation beschloss ich, eine Landwirtschaftslehre in Kehrsiten zu machen, was mir wieder neuen Lebensmut bescherte. Ich bildete mich weiter im Biolandbau und absolvierte schliesslich eine Ausbildung zum Kontrolleur für Biobetriebe. Ich sehnte mich aber immer nach dem Kanton Uri, seinen Bergen und der Sicherheit, die sie mir vermitteln. Und so gelangte ich schliesslich über einen Biobetrieb in Zug zum Blockhausbau in Brunnen und wieder zurück in den Kanton Uri.
Hier fand ich als Fahrer eines Saugwagens eine Arbeit, bei der ich auch einen Bubentraum, das Lastwagenfahren, verwirklichen konnte. Ich entdeckte ganz nebenbei, wie sinnvoll diese Arbeit sein kann. Als Lastwagenfahrer in einer Recyclingfirma konnte ich sogar den Umweltschutz unterstützen. Trotzdem wollte ich noch eine Ausbildung machen und entschied mich 2003 für das Lehrerseminar.
In der Oberstufe in Gurtnellen und der Heilpädagogischen Schule in Ibach konnte ich interessante Erfahrungen beim Unterrichten von Jugendlichen und der Zusammenarbeit in Lehrerteams machen. 2008 entschied ich mich, wieder in der Kanalreinigung zu arbeiten. Mein Bewegungsdrang, das Lastwagenfahren, der Kontakt zu Urner Werktätigen und KundInnen und meine eher bärbeissige, unwirsche Wesensart, passten besser zur Kanalreinigung als zu Elternabenden und Teamsitzungen.
Die Jugendlichen von fridays for future rüttelten mich wieder wach. Das konnte es nicht gewesen sein: Nach Immanuel Kant ist Aufklärung der „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“
Wir sollten uns eingestehen, dass zum Beispiel der Rückgang des Insektenbestandes in den vergangenen 30 Jahren um 80 % nicht eine seltsame grün-alternative Idee ist, sondern eine Bedrohung unserer Lebensbasis, der Natur. Unsere Lebensweise ist dafür mitverantwortlich, wenn nicht gar die Ursache. Auch meine Lust am Autofahren oder Snowboarden oder Reisen… Ich spreche hier alle Leute an, von jung bis alt, alle Orientierungen, sämtliche politische Richtungen mit einem Ziel: Sägen wir doch nicht weiter allzu blindwütig am Ast, auf dem wir sitzen! Wir kennen die Grenzen des Wachstums, nun müssen wir sie noch anerkennen und im Alltag beachten lernen.
Auch wenn ich immer noch über Ideen anders Denkender schimpfen kann, liegt mir doch vor allem daran, Gemeinsamkeiten zu entdecken und auf diesen aufzubauen. Bei aller Zuneigung zu linkem Gedankengut, habe ich doch einen anderen Hintergrund und zum Teil andere Überzeugungen als bestehende politische Gruppierungen. So stimmte ich beispielsweise für ein Burkaverbot, obwohl ich mit mir haderte, dabei mit radikal anders Denkenden im selben Boot zu sitzen. Doch ist mir Freiheit heilig und ich verstehe sie als Selbstbestimmung aller Menschen. Wir müssen diese Freiheit auch aushalten können. Das Tragen einer Burka ist nicht immer frei gewählt. Und ich will im Gesicht meines Gegenüber Befindlichkeiten erkennen können. Ob das beschlossene Verbot zielführend sein kann, werden wir sehen.
Der Kompromiss auf Basis der freien Meinungsäusserung ist das eigentliche Wesen meiner politischen Überzeugung. Und was noch wichtiger ist: Ausgewogenes Wissen soll die Grundlage aller Entscheidungen bilden. Ich habe also meine „Burkafrage“ unter anderem aufgrund der Ausführungen von Sineb el Masrar im Buch „Emanzipation im Islam“ für mich entschieden.
Ich bin dankbar, in Göschenen zu leben und mich äussern zu können. Ausgehend von dieser Lebensrealität will ich meine Überzeugungen darstellen. Nicht weil ich glaube, die Weisheit gepachtet zu haben, sondern als Beitrag dazu, ein ökologisch nachhaltiges Leben für alle zu ermöglichen.
Unser aller Freiheit sollte nur wenige Grenzen kennen: Die Freiheit der anderen und die Grenzen des Wachstums. Dafür stehe ich ein und lade BesucherInnen dieser Seite ein, mir ihre Gedanken dazu mitzuteilen.
Sebastian Tresch
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